filmkonzept


kapitel


In einem alten Holzhaus am Ende der Welt lebt eine weise alte Frau.

A.S. Neill hält ihren Vater für den bedeutendsten Denker unserer Zeit. Sie vergleicht ihn mit Giordano Bruno und Galileo Galilei - sie selbst steht nicht einmal im Telefonbuch.

Ich will einen Film über Eva Reich drehen.
Über wen bitte ?


Gottesgeschenke der Natur

Das Meer braust. Schroffe Felsen spiegeln sich im glasklaren Wasser.
Wußtest Du, daß der Garten das Meersalz nicht verträgt?

Eva steht am Ufer und sammelt Tang auf, den sie in ihren alten Kombi stopft.
Der Wagen ist voll bis unters Dach. Sie lacht. Jetzt habe ich wieder tagelang Flöhe im Auto. Das macht aber nichts.
Früher hab ich den Tang ungespült auf mein Beet geworfen, da ist alles eingegangen. Wenn man das Meerwasser ausspült, ist es ein großartiger Dung- ich versuche alles, was es gibt in der Natur zu verwenden und nichts zu verschwenden. Und ich lerne immer noch dazu.

Sie hebt einen großen Kieselstein auf. Die flachen kann ich gut gebrauchen. Steckt ihn in ihre Jackentasche.


Eva Reich lebt in Hancock, Maine, USA, in einem alten Holzhaus auf einem ca 10 ha großen Areal neben Scheune und Malatelier. Sie baut so ziemlich alles an, was eßbar ist und wenn die Mückenplage beginnt, arbeitet sie mit einem riesigen Hut und einem Moskitonetz Anzug in ihrem Garten.

Das Haus

Vor ihrer Haustür liegt ein Haufen Steine - Nachrichten für die Nachbarn, ihre Tochter, ihren Enkel. Es ist meist sehr windig, deshalb die schwer gewichtigen Notizen, mit Kreide bemalte, flache Steine: at the seaside, upstairs, inside, swimming, canoe, quaker meeting.

Die Holztür quietscht. Eva geht in die Küche. Auf der Fensterbank aufgereiht Topf an Topf, in denen Gemüse vorgezogen wird. An der Fensterscheibe krabbelnde Marienkäfer.
Sie greift eine Plastikdose, Marienkäfer wimmeln umher. Sie schiebt weitere mit der Hand hinein.
Die kann meine Tochter für ihr green house gebrauchen.
Auf dem Herd sprudelndes Wasser in einem offenen Topf. Ein alter, schwarzer Emailletopf mit Stiel, darunter zischen die Gasflammen. Das Wasser sprudelt und sprudelt. Eva hat vergessen, daß sie sich Tee aufbrühen will. Sie geht zwischen Herd und Spüle auf und ab. Packt Tüten mit Samen in leere Kartons, räumt Geschirr von einer Ecke in die andere. Die Küche ist ein Archiv von Dosen, Schachteln, Schalen, Tüten, Eimern. An den Wänden vergilbte Fotos, Zeitungsausschnitte, Gedichte.
Eine alte Frau in einem alten Holzhaus in einer Küche ohne erkennbare Ordnung.
Weißt Du, wiesos hier so ausschaut?- Ich muß täglich beweisen, daß ich kein Museum hätte führen können.

Für mich schneidet sie im Garten vor dem Haus Porree ab. Ich bin gegenüber bei der Nachbarin einquartiert und Eva besteht darauf, daß auch ich mich gesund ernähre. Sie selbst lebt fast autark und achtet auf biologisch angebaute Lebensmittel. In der Stadt wäre ich schon längst tot. Die vielen Strahlungen. In der Klinik wurde ich krank, weil unter der Kinderklinik die Röntgenabteilung war. Das strahlte bis in unsere Etage.

Wieso filmst du mich denn beim Gemüseernten? Wen interessiert das denn? Sie schüttelt den Kopf.
Mit einem Blinzeln Richtung Wald zur tief stehenden Sonne. Weißt Du, wie die Indianer wissen, wann die Sonne untergeht? Die Hand waagrecht an den Horizont, wie viele Handbreiten sind es von der Sonne bis zum Horizont? So viele Stunden.

Eva hat nicht nur das Ablesen der Uhrzeit am Sonnenstand von einer anderen Kultur abgeschaut. Sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit alternativen Heilmethoden aus aller Welt und trägt einen immensen Schatz an Wissen in sich. Sie kennt sich aus mit Bachblüten, mit Geburtsritualen - die meisten Tiere essen ein Stück des Mutterkuchens nach der Geburt - und sie hat frappierende Erfahrungen gesammelt als Hebamme.....weißt du, was ich beobachtet habe, wenn eine Frau gleich nach der Geburt ein Stückchen von der Plazenta ißt?

Wie erzähle ich mein Leben?

Es fällt Eva schwer, ihre Lebensgeschichte zu erzählen- ich weiß ja gar nicht, was dich interessiert.
Sie ist erstaunt, daß sich jemand mit ihrem Leben beschäftigen will und Wilhelm Reichs Geschichte nur hören will, um ihre zu verstehen.
Als sie das begreift, ist das Eis geschmolzen.
Jetzt überlegen wir, wie sie ihr Leben erzählen könnte. Chronologisch, entlang äußerer Fakten, den Schienen der Ereignisse, Krieg, Adreßänderungen, Ehen? Eher nicht.
Schon eher beim Abwaschen, Gemüseernten, beim Holzhacken. Sie erzählt, was ihr gerade einfällt, sagt, es zu ordnen wäre ihr schon immer unmöglich erschienen....mein ganzes Leben war zu viel.......

Wilhelm Reich hat sie gegen ihren Willen als Erbin seiner ganzen Schriften und Forschungsergebnisse eingesetzt. Er war im dafür, daß Eva die Kopien ins Ausland rettet.

Daß ihr dieser dominante und fähige Vater, den sie sehr bewunderte, mit diesem Erbe eine Last und Aufgabe aufgebürdet hat, an der sie scheitern mußte und die sie heute noch erdrückt, ist sichtbar und hörbar.

Eva kriegt beim Thema Vater fast keinen Satz zu Ende. Sie springt von der Zeit des Prozesses gegen ihren Vater zum Kinderheim in Wien, wo ihre Eltern sie als Baby abgaben, um auf Analytiker Kongresse zu fahren, dem Streit um Wilhelms Nachlaß zum Kindermädchen Mizzi, die einzige, die ihr Geborgenheit gab, zu der Berliner Zeit- die Zeit der Verwahrlosung in kommunistischen Jugendlagern - zum Druck, den "Reich" ihr gemacht hat, wenn sie sich nicht ständig um sein Labor kümmern wollte.

Und das, wo sie vier Autostunden entfernt ihr eigenes Haus und eine eigene Arztpraxis hatte. Sie meint auch, daß ihre Ehe an dieser Belastung zugrunde ging. Vor lauter Streß hatte sie eine Fehlgeburt nach der anderen.

So hin- und her gerissen, wie sie sich ein Leben lang fühlte, so zerrissen erzählt sie auch. Ihr Druck ist deutlich spürbar und an ihrer gepreßten Stimme zu hören, sowie in ihrer Körperhaltung ausgedrückt, lauernd, wie eine Katze auf dem Sprung. Völlig unvermittelt steht sie mitten im Satz auf, läuft in der Küche auf und ab oder haut mit der flachen Hand auf den Tisch.

Ein Leben voller innerer und äußerer Unruhe.

Im Wald ist mir Gott begegnet.

Sie nimmt zwei Plastikkanister, eine lange Astschere, zieht ihren roten Helm auf und macht sich mit einer Kiepe auf dem Rücken auf in den Wald hinterm Haus - ihrem Wald.
Auf dem Weg zu ihren Ahorn Bäumen schneidet sie frei liegende Baumwurzeln durch.
Wenn ich die Wege nicht in Ordnung halten würde, wäre das alles hier ein Dickicht. So können wir durch den Wald skilaufen bis runter ans Meer.
Sie entdeckt Preiselbeeren, hält inne und steckt sie in ihre Jeanstasche. Das wird mein Abendessen mit Pfannkuchen.
An einigen Ahorn Bäumen hat Eva Behälter angebracht, in denen sie den Sirup auffängt. Täglich geht sie an den Ort. Hier ist mir auch Gott begegnet- seitdem habe ich inneren Frieden.

Mizzi

Eva wird 1924 in Wien geboren. Ihre Eltern, die Analytiker Anni und Wilhelm Reich, sind Zeitgenossen Freuds. Reich studiert Freud und Marx, gründet die Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung. Berät kostenlos zu Geburtenregelung, Kleinkindererziehung und sexueller Aufklärung für Kinder und Jugendliche. Er engagiert sich in der kommunistischen Partei. Verteilt Flugblätter zur freien Sexualaufklärung. Organisiert Informationsveranstaltungen.
Das Privatleben steht an letzter Stelle.
Mit sechs Monaten geben sie Eva wegen eines Kongresses für mehrere Tage in einem Findelheim ab.
Mit 5 Jahren muß sie für sechs Monate mit Diphtherie ins Krankenhaus.
Das war das zweite Mal, daß ich Todesangst hatte. Bei der Geburt wäre ich fast erstickt. Verstanden hab ich das erst viel später. Aber der Körper hat ein gutes Gedächtnis und speichert alles ab.
Ihre viel beschäftigten Eltern haben kaum Zeit für Eva. Sie stellen ein Kindermädchen ein. Zum Glück hatte ich später die Mizzi. Die war mir so lieb. Für Mizzi waren Kinder wichtige Menschen. Von ihr hab ich auch das Beten gelernt. Wenn es kalt war, hat sie den Kinderwagen in die Kirche geschoben. Da waren Lichter und es roch gut. Die Eltern durften das nicht wissen! Es gab ja keinen Gott.

Tomatensalat mit Fliegen

Nach dem Ausschluß aus der Kommunistischen Partei und Ärger mit der Analytischen Vereinigung aufgrund seiner sexualpolitischen Aufklärungsarbeit beschließt Wilhelm Reich 1930, das konservative Wien zu verlassen und nach Berlin zu gehen. Seine Frau folgt ihm mit den Töchtern, die Ehe kriselt, sie streiten sich ständig.
Sie waren so mit sich beschäftigt, da mußten wir - meine Schwester war 3 und ich 7 - gegen unseren Willen für mehrere Monate in ein kommunistisches Jugendlager. Das sollte eine gute Schulung sein für uns. Ich habs gehaßt. Dieser schreckliche Tomatensalat mit Fliegen drin, Lore lief mit nassen Windeln herum, es gab nie was frisches zu essen. Wir wollten da nicht hin. Es war eine Zeit der Verwahrlosung. Ich kann heute noch keine Tomaten sehen!
Zuhause haben sie mein Fahrrad geklaut. Die Vorhänge bröselten auseinander, auf den Straßen Unruhe, die Eltern schreien sich dauernd an- alles zerfiel - so wie die Vorhänge.

Die Eltern trennen sich.
Allein. Unterwegs. Unbeschützt. Überfordert. Das zieht sich wie ein roter Faden durch ihr ganzes Leben.
Eva ist 9, Lore 5, als die beiden Kleinen im März 1933 ohne Begleitung in einen Zug von Berlin nach Wien zu den Großeltern gesetzt werden.
Die Mutter geht nach Prag und praktiziert dort. Wilhelm verläßt Berlin - den Psychoanalytikern ist er zu politisch und den Kommunisten eine Provokation mit seiner Forderung nach freier Sexualität. Seine eigenen Genossen denunzieren ihn. Wütend und enttäuscht geht er ins Exil nach Kopenhagen.

Brainwash

Eva und Lore werden zu den Großeltern nach Wien abgeschoben. Die sind alt und haben kaum Platz in der Wohnung. Außerdem sind sie nicht gut auf den Schwiegersohn zu sprechen, dessen Thesen über freie Sexualität sie mißbilligen und der ihre Tochter betrügt.
Die Eltern kümmern sich kaum um Eva, die von einer Konfirmation mit weißem Schleier träumt.
Ihre Mutter schickt sie mit 10 Jahren gegen ihren Willen zu einer befreundeten Analytikerin, die gegen Wilhelm Reich eingenommen ist. Eva fühlt sich dort unter Druck gesetzt und nennt das brainwash.
Ihre nicht geweinten Tränen stauen sich in einer chronischen Nebenhöhlen Entzündung.
Als sie mich an der Nase operierten, habe ich Todesangst gehabt und geglaubt, das ist die Strafe dafür, daß ich zu Reich und seiner Freundin ziehen wollte.
Ich liebte Elsa, mit der er zusammenlebte. Sie war eine Künstlerin. Sie tanzte wie eine Göttin. Sie war Reichs große Liebe. Sie war so sanft.
Eva verspricht sich öfter und redet von ihrer Mutter, wenn sie Elsa meint.
Ich hatte einen solchen Druck von der Analyse und meiner Mutter, daß ich den Kontakt zu Reich ganz abgebrochen habe. (Sie spricht selten von ihrem Vater, sie nennt ihn meistens "Reich".)
Aber mein schlechtes Gewissen war die Hölle. Die Schuldgefühle dem Vater gegenüber ziehen sich auch wie ein roter Faden durch ihr Leben.

Eine blühende Kastanie

Vor dem Haus des Großvaters stand eine Kastanie. Von ihm hab ich die Freude an der Natur. Er wollte eigentlich Biologe werden. Er hat mich immer durch sein Mikroskop schauen lassen. Ich war ein neugieriges Kind. Großvater hat mir viel erklärt.
Neben dem Kindermädchen ist der Großvater der einzige, der sie nicht ständig überfordert. Wilhelm Reich nimmt sie mit zu politischen Veranstaltungen und Demonstrationen- sie soll Parolen schreien, die sie verwirren. 1934 nimmt er sie mit zum Kongreß der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, wo er ausgeschlossen wird.
Wie fühlt sich ein kleines Mädchen, das in einer zerrissenen Familie zwischen allen Stühlen sitzt und spürt, daß es für sie keinen Ort der Geborgenheit gibt? Und daß neben den persönlichen Aggressionen das Umfeld Angst macht und von auswandern geredet wird?

Eva geht in der Küche auf und ab. Sie verpaßt keine Woche ihre Lieblingssendung, alternative radio. Sie verfolgt ihr Leben lang jede politische, ökologische, wissenschaftliche Nachricht mit Interesse.
Der einzige Nachteil meiner Isolation hier ist, daß mir der intellektuelle Austausch fehlt - ich würde gerne über so vieles sprechen.

Innere u. äußere Emigration

Eva zieht mit 13 Jahren zu ihrer Mutter, zu der sie ein distanziertes Verhältnis hat, nach Prag, lernt da ihre erste Liebe kennen, einen jüdischen Jungen. Im Sommer 1938 beschließt ihre Mutter mit ihrem Lebensgefährten Thomas Rubinstein, der Trotzkist ist, in die USA zu emigrieren. Eva muß gegen ihren Willen ihre Jugendliebe verlassen und mit in ein Land, dessen Sprache sie nicht versteht. Sie lebt mit ihrer Mutter zusammen, die ihr verbietet, den Vater und Ilse Ollendorff in New York zu besuchen. Ihr Stiefvater wird vom CIA verfolgt. Sie leben unter einem Dach, mögen und verstehen sich aber nicht. Sie ist unglücklich und ißt pausenlos.

Das Familienskript

Gegen ihren Willen studiert Eva Medizin. Die Mutter sagt, das ist eine Garantie für Geld und Karriere.

Eine knarrende Holztreppe führt aus der Mitte des Wohnzimmers nach oben zum Badezimmer, Schlaf- und Gästezimmer. Die Tür zur "Bibliothek" steht offen- Türme von Schriften, Büchern, Gemälden, Originalen von Wilhelm Reich, Pappkartons mit Dias in Plastiktüten. Ein Labyrinth von unschätzbarem Wert- ungenutzt, ungeliebt, verstaubt, vernachlässigt. Dieses Chaos war jahrelang ihre Praxis als Landärztin. Ihre ganze Wohnung ist Ausdruck davon, daß sie den Familienauftrag, erfolgreich und wohlhabend zu werden und ein Museum zu leiten, nicht erfüllen kann oder will.
In der Abstellkammer steht ein Akkumulator. Eine der großen Entdeckungen Wilhelm Reichs. Mit ihm hat Eva viele Patienten geheilt. Wie war die Geschichte mit der verbrühten Hand?
Ein illegales Relikt, das hier zustaubt - die Food and Drug Administration in der MC Carthy Ära ordnete das Zerschlagen aller Akkumulatoren und verbot die Arbeit damit.
Eva zitiert Lessing:
Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.
Deshalb darf ich nicht schreiben, weil Wahrheiten dürfen nicht geschrieben werden! Man wird dafür verfolgt.
Dabei würde ich es gerne loswerden.
Alle behaupten, Reich hatte einen Verfolgungswahn. Wie kann man einen Wahn haben, wenn man real verfolgt, angeklagt und ins Gefängnis geworfen wird?

Er hat sein Leben lang die Fragen verfolgt: was ist Leben? Was ist Lebendigkeit? Was ist Energie? Was ist Lebensenergie?
Und er hat die meisten Wissenschaftler damit überfordert, daß er Öffnung oder Überschreitung ihrer Grenzen eingefordert hat.

Jedes Kind kann malen

Ihre Tochter Renata geht am Küchenfenster vorbei und winkt. Sie ist auf dem Weg in das Atelier - ein Holzhäuschen neben dem Schuppen. Dort hat schon Bill, Evas zweiter Mann, gemalt. Ein sensibler Künstler, der ein poetisches Buch geschrieben hat. In jedem Kind steckt die Fähigkeit zu malen.
Sie kramt das einzige Exemplar hervor, das es noch gibt und liest daraus vor.....
In der hintersten Ecke auf dem Dachboden liegt ein Bild. Eva hat es mit sechzehn Jahren gemalt. Eine Kreidezeichnung. The window cleaner. Das Portrait eines Farbigen.
Sie weiß um ihre Ähnlichkeit mit dem Vater. Wir malen beide gerne. Wir mögen beide am liebsten klassische Musik. Und die Neugier auf alles hab ich auch- ich möchte noch dazulernen und verstehen- zum Beispiel - was passiert genau nach dem Tod?
Ich hab gesehen, wo die Seele entschwindet- ich habe viele Menschen sterben sehen, als ich auf der Unfallaufnahme gearbeitet habe. Ich erzähle dir eine Geschichte...

Sie erzählt nicht eine, sondern so viele ich hören will. Und endet mit der schmunzelnden Feststellung: ich war eine Hexe im vorigen Leben.

Der eigene Weg

Nachdem Evas zweite Ehe mit Bill Moise in die Brüche geht und sie eine Fehlgeburt nach der anderen hat, besinnt sie sich auf ihren eigenen Weg. Diese Suche führt über mehrere Weltreisen und schwere Krankheiten zu dem, womit sie mittlerweile in Körpertherapie Kreisen weltberühmt ist: sanfte Bioenergetik, Schmetterlingsmassage mit Säuglingen.
Sie holt ihre selbst gebastelte Diasammlung hervor und beginnt von ihrem Lebenswerk zu erzählen.Ihre Stimme wird weich, sie hängt entspannt im Sessel, ein Bein über die Lehne geschwungen und erzählt ganz ruhig von den Anfängen ihrer Pionierarbeit.

Sie ist bei sich angekommen.

Sie hält die Hände wie eine Schale.
Man schützt, man liebt, man hält, man gibt frei. Ihre Hände machen sanfte Bewegungen.
Ich habe es nicht studiert- ich habe es einfach gespürt. Ich habe Medizin studiert, ich wollte auf keinen Fall Analytikerin werden.Hier hatte ich meine Praxis.

Dann kam ein Mann mit Herzbeschwerden, dem habe ich die Hand auf die Brust gelegt, damit er loslassen kann. Ich habe gespürt, daß er etwas festhält. Er kam von einer Beerdigung, und hat sich den ganzen Tag zusammengerissen, um nicht zu weinen. Nach den Tränen waren die Herzschmerzen weg. Ich habe einfach darauf vertraut, daß mein Gefühl richtig ist.
So habe ich bei den Erwachsenen und ihren Beschwerden angefangen und landete immer früher, nicht bei der Kindheit, sondern bei der Geburt. Auf der ganzen Welt hab ich studiert, wie Kinder zur Welt kommen. Bei uns ist das Becken zu klein für die Köpfe der Säuglinge. Der wahnsinnige Druck, den ein Baby bei der Geburt aushalten muß und die damit verbundene Atemnot bewirken bei vielen Babies Todesangst. Sie kommen blaß und bläulich zur Welt, die Haut ganz durchsichtig.D.h. schon nach der Geburt ist der Energiefluß gestört. Also habe ich bei den Neugeborenen angefangen. Schon nach einer Behandlung- ich nenne dieses zarte Streicheln "Schmetterlingsmassage" - kommt Farbe in das Baby. Es sieht gefüllt aus und die wie ein Bogen gespannte Haltung verschwindet und es kann sich entspannen. Es landet.


Eva Reich hat weltweit Vorträge gehalten über diese zarte Babymassage. In Berlin, Bremen und Rom wurden in ihrem Namen die ersten Schrei-Baby-Ambulanzen gegründet, die aufbauen auf dem, was sie entwickelt hat.

Das Konzept, das diesem bioenergetischen Ansatz zugrunde liegt, basiert auf der These von Kontraktion und Entspannung. Bei Schreck und Schmerz zieht sich ein Organismus zusammen. Der normale Wechselprozeß zwischen Entspannung und Anspannung wird bei Streß oder Trauma unterbrochen und der Säugling bleibt in einem emotionell zurückgezogenen Zustand. Das nennen die Reichianer Panzerung.

Die Babymassage soll den Säugling einladen, sich zu entspannen und auszudehnen.

Schon Wilhelm Reich hat mit der Auflösung von Panzerungen und Blockaden gearbeitet. Er war der erste, der den Focus auf den Körper legte bei seinem Therapien. Nur daß er für diese beabsichtigte Druckentlastung ebenfalls Druck anwendete.

Peter Reich schildert in seiner ergreifenden Biografie "Der Traumvater", wie ihn Reich beim sogenannten therapeutischen Atmen drängte, bis er sich übergeben mußte. (Ein Ansatz, der heute in der Grofschen Schule mit dem "Holotropen Atmen" weltweit praktiziert wird.)

Eva entwickelte nun die These, daß es Druckentlastung für einen Menschen keinesfalls durch künstlich hervorgerufenen Druck geben kann, sondern nur über eine sanfte Begleitung. So hat sie für die Erwachsenen die sanfte Bioenergetik und für Babies die Schmetterlingsmassage entwickelt.

Sie hat von ihrem Vater ein Vermächtnis, das ihr ein Leben lang zu schaffen macht. Sie wollte nie sein wie er und so wie er sie haben wollte. Sie sehnte sich ein Leben lang nach seiner Anerkennung , die er ihr kaum zeigen konnte.

Sie sagt, wir sind uns so ähnlich, lacht.

Auf der Suche nach der elterlichen Liebe und Anerkennung hat sich Eva ein Leben lang überfordert, dazu kommen Schuldgefühle und der Druck, es recht zu machen. Sie sagt, sie habe viele seiner Stärken, hat ähnlich wie er einen mutigen und unkonventionellen Weg beschritten und etwas ganz eigenes entwickelt.

Eva lebt heute verarmt in ihrem häuslichen Chaos. Eine kluge, weise, tapfere, kleine Frau, die mit 76 Jahren immer noch ihre Ruhe ihren Frieden und ihre Wurzeln sucht.

Ich stehe immer noch nicht im Telefonbuch, ich will meine Ruhe haben nach jahrzehntelangem Streß und Presserummel. Ich gebe keine Interviews mehr. Deshalb sitze ich hier am Ende der Welt.

Dir erzähle ich meine Lebensgeschichte, weil ich nicht schreiben kann und weil Du verstehst.


Zumindest den Ort, an dem sie Wurzeln schlagen kann, hat sie gefunden.


 

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